Sozialer Wohnungsbau für Großstadtvögel
by Lisa Zeitz

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Kunstmarkt
Saturday, January 5, 2002

Sozialer Wohnungsbau für Großstadtvögel
"Humanoid" bei Frederieke Taylor und Tim Thyzel kachelt bei Cynthia Broan in New York

Dann lleber eine Quietscheente: Tim Thyzels "Plungers"

NEW YORK, Anfang Januar
Wem nach so viel Menschlichem nun nach Abwaschbarem zumute ist, den führt ein kurzer Spaziergang durch den Meatpacking District zur Cynthia Broan Gallery auf der 14. Straße. Hier ist bis zum 19. Januar "Tiled" mit Werken des deutschen Künstlers Tim Thyzel ausgestellt. Thyzel hat schon früher Humor mit Kunst verbunden, so etwa, wenn er Betongüsse von Allzweckreinigerflaschen herstellte, sozialen Wohnungsbau für Großstadtvögel praktisch umsetzte oder ein Rasenstück auf Rädern als mobilen Park in betonierte Stadtlandschaften rollte. Seine neuesten Arbeiten setzen sich mit der Kunst von Minimalisten wie Donald Judd und Carl André auseinander; nur sind Thyzels blanke Flächen und auf Quadrate reduzierte Formen allesamt gekachelt. Die meisten Türme, Torbögen und Kuben sehen so aus, als habe man einem Erwachsenen riesige Legosteine zum Spielen gegeben. Auf Thyzels betretbaren Bodenskulpturen kann sich der Galeriebesucher wiegen. Damit nur ja das Badezimmerflair nicht verlorengeht, haben die gekachelten Skulpturen Duschköpfe und Abflüsse oder sind mit Handtuchhalter, Frottee, Zahnbürste und Gummiente versehen. Die "Endlose Säule" nach Brancusi ist aus weißen Toilettenschüsseln zusammengesetzt. So multipliziert sie optisch zwar Marcel Duchamps Pissoir, das die moderne Kunst revolutionierte, doch es fällt schwer, die Formen schockierend zu nennen oder sie von ihrem Bestimmungszweck zu lösen und einfach nur schön zu finden. Die Säule irritiert, es bleibt ein seltsamer Nachgeschmack.
Auch auf Isamo Noguchi bezieht sich Thyzel augenzwinkernd mit schwarz- weiß gekachelten Skulpturen. In Queens sind im Atelier von Noguchi, der übrigens als junger Mann Brancusis Assistent war, viele der Steinskulpturen zu besichtigen, in denen der Künstler schwarzes und weißes Material kontrastieren läßt. Noguchis Naturstein erweckt jahrtausendealte Geschichte. Bei Thyzel sind es schwarze und weiße Kacheln, das neutralste, abwaschbarste und kälteste aller Baumaterialien. Jede der Arbeiten hat einen Kern aus Holz - den sieht zwar niemand, aber wer es weiß, ist beruhigt: Die Wüste lebt. (Je 500 bis 5000 Dollar, die "Endlose Säule" kostet 6000 Dollar.) (Bis 19. Januar.)